Kann Kirche Kultur?

Was Kirche und Kulturtourismus verbindet


Dieser Fragestellung versucht der zehnte Fachkongress „Kirche und Tourismus im Norden“ in Lübeck-Travemünde auf den Grund zu gehen. Nach der Begrüßung durch den Tourismusexperten der Evangelisch Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) , Ulrich Schmidt, und einer Einführung in die Situation im Kirchenkreis Ostholstein durch Propst Dirk Süssenbach, arbeiteten die Teilnehmenden aus Kirche und Tourismus gemeinsam zu Chancen und Schwierigkeiten in touristischer Angebote im kirchlichen Raum.

„Watt für die Seele – das ist Glück!“ ist beispielsweise ein Teil der aktuellen Kampagne der Tourismus Agentur Schleswig Holstein, und für Geschäftsführerin Dr. Bettina Bunge zeigt sich daran, warum eine Kooperation zwischen Kirche und Tourismusunternehmen sinnvoll ist: „ Zwar kommen Touristen aufgrund vorrangiger touristischer Aktivitäten wie Baden oder Natur genießen, aber sie sind dann vor Ort auch für kirchliche Angebote ansprechbar, denn so besuchten z. B. über zwei Mio. Touristen in Schleswig Holstein offene Kirchen oder ließen sich zu Konzerten oder Ausstellungen einladen“. Immer wieder käme es darauf an, an der Kommunikation zu arbeiten, so dass die kirchlichen Angebote im touristischen Marketing berücksichtigt werden können. Des Weiteren wies Bettina Bunge darauf hin, dass das Voneinander-Lernen besonders dann gut gelingt, wenn man nicht nur Best-Practice-Beispiele austauscht, sondern sich auch mutig erzählt, was schief gegangen ist: „gerade dann, wenn ein Plan gescheitert ist, kann man lernen“, sagt sie.

Einen weiteren spannenden Impuls gab Dr. Katja Drews, die sich mit kulturtouristischen Angeboten im ländlichen Raum beschäftigte: „Angebote im ländlichen Raum leben meistens von dem Engagement der Beteiligten, und so erfahren Gäste auch meist durch Freunde, Bekannte und Verwandte von den Angeboten und besuchen diese aufgrund einer persönlichen Empfehlung. Kulturelle Angebote im ländlichen Raum werden von Gästen und Besuchern oft als besonders willkommend erlebt. Oft werden derartige Veranstaltungen an so genannten „Dritten Orten“ angeboten, die dann auch den besonderen Charme ausmachen.“ Diese Beobachtung deckt sich mit Erfahrungen, die Kirchengemeinden bei Angeboten an „anderen Orten“ gemacht haben – insofern liegen hier große Chancen, auch mit kirchlichen Kulturangeboten erfolgreich zu sein.

„Mit dem eigenen Profil punkten“, war auch ein Hinweis von Lara Buschmann aus Berlin, die auf die wechselseitige Beziehung von Klöstern und Spiritualität blickte: „Touristisch betrachtet, sind Klöster vorrangig ein Kulturerbe, das genutzt werden kann – hier gibt es Beispiele , wie Kirche an genau diesen Orten sichtbar wurde.“ Dafür sei es unabdingbar, sich auf eigene Stärken und Möglichkeiten zu besinnen und zielgruppenorientierte, sinnvolle Angebote zu entwickeln. „Es lohnt sich auf jeden Fall, sich wirklich darüber bewusst zu werden, wer meine Wunsch-Zielgruppe ist und warum ich denke, dass meine Maßnahme oder Veranstaltung diese Zielgruppe anspricht.“ Hier gäbe es bei kirchlichen Veranstaltern noch „Luft nach oben“.

Die eigenen Stärken transportieren will auch Christian Martin Lukas, Geschäftsführer der Lübeck-Travemünde-Marketing: „Machen Sie etwas , das Ihnen Spaß macht, mit Menschen, mit denen Sie dazu Lust haben – dann kann es gelingen“, sagte er und wies darauf hin, dass „der Wurm dem Fisch schmecken soll, nicht dem Angler“. Eine gute Gruppe, mit der man Projekte plane basiere vorrangig auf gutem Austausch aller beteiligter Akteure: „Ein regelmäßiger Austausch zum Beispiel bei einem gemeinsamen Frühstück macht die Entwicklung gemeinsamer Ideen möglich.

Der zweite Tag des Fachkongresses präsentierte Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit der vergangenen Jahre. Sonja Göttel von der Fachhochschule Westküste in Heide stellte einige Erkenntnisse vor: „die mit Abstand am meisten genannte Tätigkeit im Urlaub wird von befragten Touristen mit ‚Spazieren gehen‘ beschrieben – danach folgt z.B. Fahrrad fahren.“ Das bedeutet also, dass Touristen durchaus unterwegs sind und sich auch gern interessante Ziele erschließen. „Konzerte werden sehr gern besucht“, erläutert Sonja Göttel: „ aber auch regional besondere Destinationen wie beispielsweise Kirchen der Backsteingotik ziehen Besucherinnen und Besucher an.“ Generell steigt das Interesse an Kulturtouristischen Angeboten mit dem Lebensalter an – und generell haben sich eher Frauen zu ihrem Interesse an kulturellen Angeboten bekannt als Männer. Besonders gelungene Angebote könnten in diesem Segment oft in Kooperation mit anderen Veranstaltern entwickelt werden, da hier oft unterschiedliche Ideen und Ansätze kombiniert werden könnten, so beispielsweise in Hamburg, wo das Kampnagel-Theater sehr erfolgreich in einer Kirche eine Nebelinstallation gestaltete.

Im Anschluss referierte Dr. Bernd Buchholz, Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus über die Tourismusstrategie in Schleswig-Holstein und den daraus resultierenden Chancen für kirchliche Angebote. Er machte deutlich, warum beispielsweise die Überlegung, die klassische Tourismussaison auf das ganze Jahr auszuweiten, eine Chance für kirchliche Angebote ist, da diese meist in Räumen und daher wetterunabhängig stattfänden. Wichtig war ihm auch der Hinweis auf die notwendige Diskussion der Bäderregelung: „Ich denke, dass ein kirchlicher Feiertag auch dann noch besteht, wenn nachmittags ein paar Stunden eingekauft werden kann“, sagte er. Des Weiteren wies er auch auf Unterschiede in der Herangehensweise hin: „Warum kann man beispielsweise Seelsorge nicht buchen? Immer mehr Menschen kümmern sich in ihrem Urlaub auch um spirituelle Fragen, und in diesem Segment hat die Kirche ja eine Kernkompetenz, die sie ausbauen könnte“. Widerspruch bekam er sofort aus dem Plenum, denn nach kirchlichem Verständnis könne man den Segen nicht verkaufen, da er gespendet sei – und ähnlich müsse man auch seelsorgerische Angebote bewerten. „Seit der Reformation ist es keine Frage des Geldes mehr, ob man spirituell-religiöse Erfahrungen machen kann“, sagte eine Teilnehmerin: „und das sollte auch so bleiben“.

Das bekräftige auch der Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein, Gothart Magaard. Er wies in seinem Vortrag auf die vielen Möglichkeiten hin, Touristen „auf dem Weg“ die Begegnung mit kirchlichen Inhalten zu ermöglichen, beispielsweise durch offene Kirchen oder spezielle Touren, die die kirchlichen architektonischen, historischen oder einfach ästhetischen Schätze erfahrbar machten. „Bei meiner Radtour auf dem Mönchsweg beispielsweise habe ich diesbezüglich viele interessante Begegnungen gehabt – und es ist ja erstmal nicht vorrangig, aus welchem Grund man eine Kirche betritt, wichtig ist es, dass sie den Reichtum kirchlichen Lebens erfahrbar werden lässt.“

In der abschließenden Podiumsdiskussion machten die Teilnehmer deutlich, dass die Kommunikation zwischen Tourismusbranche und Kirche schon sehr gewachsen, aber noch ausbaufähig ist. „Ich wünsche mir, dass kirchliche Institutionen irgendwann engagierte und ernstgenommene Partner der Touristiker sind“, sagte Ulrich Schmidt von der Fachstelle Kirche und Tourismus der Nordkirche und Veranstalter des Fachkongresses zum Abschluss: „ und ich bin optimistisch, dass wir auf einem guten Weg dahin sind“.


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